Mehr als 130 Mathematiker aus aller Welt haben Anfang Juni 2026 gemeinsam die „Leidener Erklärung zu Künstlicher Intelligenz und Mathematik“ (Leiden Declaration on Artificial Intelligence and Mathematics) veröffentlicht und damit eine kollektive Warnung vor den Auswirkungen der KI auf die Mathematik ausgesprochen. Die Erklärung geht auf eine im September 2025 an der Universität Leiden abgehaltene Fachkonferenz zurück, wurde rund acht Monate lang ausgearbeitet und von der Internationalen Mathematischen Union (IMU) unterstützt. In der Erklärung wird darauf hingewiesen, dass KI-generierte Beweise zwar plausibel erscheinen, aber schwer erkennbare Fehler enthalten können, was die Überprüfbarkeit mathematischer Ergebnisse gefährdet; dass das massenhafte Auslesen mathematischer Arbeiten durch KI ohne Nennung der Autoren die akademische Anerkennungspraxis untergräbt; und dass kommerzielle Unternehmen, die Mathematik für KI-Produkte nutzen, stillschweigend die Autonomie der Forschung beeinflussen.
Die Erklärung fordert nicht etwa ein Verbot von KI, sondern schlägt ein dreistufiges Handlungskonzept vor: Einzelne Forscher müssen die Nutzung von KI offenlegen und für die Korrektheit ihrer Ergebnisse einstehen; akademische Einrichtungen und Berufsverbände sollten Richtlinien entwickeln, um die Standards der Peer-Review und Transparenz zu wahren; und politische Entscheidungsträger sollten öffentliche KI-Infrastrukturen fördern und Open Science unterstützen. Besonders hervorgehoben wird, dass der Schock für Mathematiker am Anfang ihrer Karriere und für Studierende besonders stark ist – und dass ohne Gegenmaßnahmen die langfristige Gesundheit des gesamten Fachs Schaden nehmen würde. Die Erklärung wurde bereits zur Aufnahme in die Agenda des Internationalen Mathematikerkongresses (ICM) eingereicht, in der Hoffnung auf breitere institutionelle Resonanz.